Matthias Ernst: Die Professorin & Die Professorin – Die letzte Erinnerung

Menschen mit dem Locked-In-Syndrom sind bei vollem Bewusstsein: Sie hören, verstehen, denken, empfinden Angst, Langeweile, Zuneigung oder Wut, aber sie haben so gut wie keine Möglichkeit mehr, sich ihrem Körper mitzuteilen. Meist bleibt nur die vertikale Bewegung der Augen, manchmal nicht einmal die. Das unterscheidet das Locked-In-Syndrom fundamental von anderen Formen gestörten Bewusstseins, mit denen es leicht verwechselt wird: Im Koma fehlt das Bewusstsein vollständig, im Wachkoma („vegetative state“) sind zwar Schlaf-Wach-Zyklen vorhanden, aber kein nachweisbares Bewusstsein, und im minimal bewussten Zustand („minimally conscious state“) gibt es inkonsistente, aber erkennbare Anzeichen von Wahrnehmung.
Beim Locked-In-Syndrom dagegen ist das Bewusstsein vollständig erhalten – nur eben ohne jeden Kanal nach außen. Gerade weil sich diese Zustände von außen oft kaum unterscheiden lassen, ist die korrekte Diagnose so entscheidend: Von ihr hängt ab, ob Patient*innen überhaupt als ansprechbar erkannt und entsprechend behandelt werden. Bekannt wurde das Phänomen einer breiteren Öffentlichkeit unter anderem durch Jean-Dominique Baubys Erinnerungsbuch „Schmetterling und Taucherglocke“, das er mithilfe seines Lidschlages aus genau diesem Zustand heraus diktierte. Auch Stephen Hawking näherte sich im Spätstadium seiner ALS-Erkrankung diesem Zustand an.
Die Forschung arbeitet weltweit an wichtigen Fragen im Zusammenhang mit diesem Syndrom: wie man mit einem Bewusstsein kommuniziert, das keinen Körper mehr zur Verfügung hat. Eine der international führenden Adressen dafür ist die Coma Science Group am Universitätsklinikum und der Universität Lüttich, 2006 vom Neurologen Prof. Steven Laureys gegründet und seit 2022 von den Professorinnen Aurore Thibaut und Olivia Gosseries geleitet. Die Gruppe hat maßgeblich dazu beigetragen, diagnostisch zu unterscheiden, wo entlang des Spektrums zwischen Wachkoma, minimalem Bewusstsein und Locked-In-Syndrom sich Patient*innen tatsächlich befinden. Am Wyss Center in Genf oder an der Universität Tübingen, um einige andere Spezialist*innengruppen zu nennen, wurden Gehirn-Computer-Schnittstellen entwickelt, die aus Hirnaktivität einfache Ja-Nein-Antworten herauslesen; ein europäisches Konsortium um die TU Graz und das UMC Utrecht arbeitet an vollständig implantierbaren Systemen, die Sprache in Echtzeit aus Hirnsignalen rekonstruieren sollen.
Es ist also kein spekulatives Feld, in das sich Matthias Ernst mit seinem Thriller „Die Professorin“ und dem Nachfolgeband „Die Professorin – Die letzte Erinnerung“ begibt, sondern eines, mit dem die Wissenschaft sich tatsächlich beschäftigt, und in dem sie wichtige Fortschritte macht.
Ernst nimmt dieses medizinische Problem und baut darum die beiden Geschichten. Und das inklusive all der schwierigen Fragen, die Kommunikation mit Locked-In-Patient*innen auch immer mit sich bringt: Wie zuverlässig sind die Methoden, wie unbeeinflusst von eigenen Erwartungen der Spezialist*innen werden die tatsächlichen Gefühle und Wünsche der Betroffenen widergegeben?
Der Schauplatz beider Geschichten ist London. Im ersten Band geht es um einen Serienmörder, den sogenannten Putney-Slasher, der junge Frauen ganz im Stil von Jack the Ripper tötet und verstümmelt. Sieben Jahre zuvor schien der Fall schon gelöst: Ein Verdächtiger, David Armstrong, wurde bei seiner Festnahme angeschossen und ist seither vollständig gelähmt – und im Koma, wie zunächst angenommen wurde. Aber vielleicht ist es auch ein Locked-In-Syndrom? Als die Polizistin Olivia Jenner Jahre später Zweifel bekommt, ob wirklich Armstrong der Täter war, sucht sie Hilfe bei der Neuropsychologin Susanna Madueke, deren Spezialgebiet es ist, mit Locked-In-Patient*innen wie Armstrong über eine Hirn-Computer-Schnittstelle zu kommunizieren.
Locked-In als Sujet ist in Medizinkrimis und -thrillern kein Novum, das Motiv taucht immer wieder auf. Was Ernst hier aber gelingt, ist es, Fragen des Bewusstseins in den Mittelpunkt zu stellen. Neben der Frage „Wer war der Mörder“ ist auch eine andere zentral: „Wie beweist man, was in einem Kopf vorgeht, der sich nicht äußern kann, und wem glaubt man, wenn man es über eine Maschine erfährt?“ Armstrongs Zeugenschaft ist über weite Strecken das wichtigste Beweismittel, und bei jeder seiner über Blicksteuerung buchstabierten Antworten stellen sich gleich mehrere Fragen: Ist das wirklich die Wahrheit, oder will er auch aus dieser Situation heraus noch manipulieren? Oder sind seine vermeintlichen Antworten nur, was die Technik – oder die Ermittlerinnen – aus ihm herauslesen wollen?
Ernst selbst kam im beruflichen Zusammenhang zu diesem Stoff: Er ist gelernter Psychologe und arbeitet als psychologischer Psychotherapeut, und er berichtet, bei seiner Recherche über Bauby auf das Thema gestoßen zu sein. Sein Anspruch: Er wollte, wie er selbst formuliert, nicht Armstrong, den Patienten, zeigen, sondern Armstrong, den Menschen. Das klappt auch gut. Armstrong ist keine tragische Randfigur, mit der man Mitleid hat, sondern eine handelnde Figur mit eigenem Willen, sogar eigenem Witz, und das trotz eines Körpers, der das alles nicht zeigen kann. Descartes‘ „Cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich – stellt Ernst dem Buch als Motto voran. Und genau das bestimmt eigentlich Armstrongs ganze Existenz: Denken allein garantiert noch kein Dasein in der Welt, wenn niemand es wahrnehmen kann.
Ermittlerinnen als ungleiches Team
Das Ermittlerinnen-Duo Jenner und Madueke ist sehr gegensätzlich gezeichnet: hier die erfahrene Polizistin, die ein alter Fall nicht loslässt und die darüber ihre Familie vernachlässigt, dort die alleinerziehende Neuropsychologin, die Sorgen um den Weiterbestand ihrer Professur haben muss, während sie an einer Technologie arbeitet, die viele andere nicht für plausibel halten. Beide agieren in einer Grauzone und tun Dinge, für die sie offiziell gar nicht zuständig sind.
Der Schreibstil ist zügig, mit kurzen Kapiteln, die zwischen den Perspektiven wechseln, und legt seine Wendungen sauber genug, dass man nicht das Gefühl hat, an der Nase herumgeführt zu werden. Am Ende geht es Schlag auf Schlag – vielleicht ein wenig zu abrupt für ein Buch, dessen Stärke weniger die Action als die gekonnte Beschreibung eines realistischen medizinischen und wissenschaftlichen Settings ist.
Die letzte Erinnerung
Auch im zweiten Band der Reihe, „Die letzte Erinnerung“, setzt Ernst das Locked-In-Motiv in einer neuen Konstellation konsequent fort. David Armstrong ist zurück, inzwischen aber nicht mehr als Patient und auch nicht des Serienmordes verdächtigt, sondern als Unternehmer: Zusammen mit Susanna Madueke hat er die Kommunikationstechnik, die ihm selbst seine Stimme zurückgegeben hat, zu einem Geschäftsmodell gemacht.
Die Geschichte spielt wieder in London, kurz vor einer Wahl. Die Tochter der Oppositionsführerin verschwindet spurlos, es gibt keine Forderung und keine Spur. Parallel gerät Olivia Jenner an eine bewusstlose Frau, die aus der Themse gefischt wurde und sich, als sie aus dem Koma erwacht, an nichts erinnern kann. Sie hat, das ahnt man schnell, mehr mit dem Entführungsfall zu tun, als es zunächst scheint. Politischer Verrat, Geheimdienste, ein Wahlkampf im Hintergrund: Die Geschichte ist noch größer angelegt als Band 1.
Ein zentrales Element bleibt aber wieder die Bewusstseinsfrage, nur nun mit einem Gegenspieler ausgestattet, der der seriösen Neurowissenschaft diametral entgegensteht: Ein selbsternannter „Parapsychologe“ taucht mit einem „Medium“ auf, das angeblich mit Komapatienten kommunizieren kann – ganz ohne Chip, ganz ohne Technik, nur über Telepathie. Für Susanna, die ihre gesamte Karriere auf einer nachprüfbaren, apparativ vermittelten Form der Kommunikation mit Bewusstseinsgestörten aufgebaut hat, ist das ein Affront. Diese Gegenüberstellung ist gekonnt entwickelt, weil sie genau die Frage weiterträgt, die schon Band eins stellt: Wem glaubt man, wenn es um die Innenwelt eines Menschen geht, der sich selbst nicht mehr äußern kann?
Wer psychologisch fundierte Spannungsliteratur schätzt, die medizinisch-ethische Fragen nicht klischeehaft, sondern seriös und kundig behandelt, findet in beiden Bänden gut recherchierte und konstruierte Fälle. Ernst nimmt sich Zeit für ein komplexes Thema, das wissenschaftlich hochspannend ist und medizinethisch anspruchsvoll, und verpackt es gekonnt in zwei Kriminalfälle.
Zum Autor
Matthias Ernst wurde 1980 in Ulm/Donau geboren. Er hat Psychologie studiert und eine Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten absolviert; seine klinische Erfahrung sammelte er in mehreren Akut- und Rehakliniken in Süddeutschland. In seinen Kriminalromanen verbindet er, wie er selbst sagt, seine beiden großen Leidenschaften: das Schreiben und die Psychotherapie. Ernst lebt in Oberschwaben, ist Mitglied im SYNDIKAT – Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur – sowie bei den BartBroAuthors und schreibt unter dem Pseudonym F. J. Conrad außerdem eine historische Romanreihe.
Zu den Büchern
Matthias Ernst, Die Professorin, erschienen als Taschenbuch, E-Book, Hörbuch. 2023
Matthias Ernst, Die Professorin – Die letzte Erinnerung, erschienen als Taschenbuch, E-Book, Hörbuch. 2025



