Filmtipp: Paris Murder Mystery

Wenn das keine Zutaten für ein „Medical Murder Mystery“ sind: Jodie Foster als Psychiaterin und Psychoanalytikerin in Paris, der ungeklärte Todesfall einer ihrer Patientinnen, und aus einer Mischung aus fachlicher Betroffenheit und tiefen Schuldgefühlen wird die Therapeutin zur Ermittlerin. Tatsächlich ist der Titel des Films für die deutschsprachige Version mysteriöserweise „Paris Murder Mystery“, während er im Original „Vie privée“ (Privatleben) und auf Englisch folgerichtig „A Private Life“ lautet.
Eigentlich hieß das ursprüngliche Drehbuch von Anne Berest schlicht „Lilian Steiner“, was auch eigentlich sehr gut passt. Der Film ist weniger ein klassisches Murder Mystery, als vielmehr das akribische Porträt einer Frau, die gewohnt ist, andere zu analysieren, und die Kontrolle über ihre eigene professionelle Fassade verliert. Dabei nimmt Regisseurin Rebecca Zlotowski gerne Anleihen bei Freud: Träume als Schlüssel zum Unbewussten, Versprecher als verräterische Wahrheiten, die Couch als Ort, an dem sich vieles enthüllt.
„Es stimmt, dass Freud in Europa viel mehr Respekt genießt, während er in den USA so gut wie ‚out‘ ist, als veraltet gilt – hauptsächlich wegen seiner Misogynie. Aber es gibt nichts Schöneres als eine freudsche Interpretation“, wird Hauptdarstellerin Jodie Foster in den Presseinfos zum Film zitiert. „Sie ist unglaublich filmisch. Ohne Freud hätte es nämlich keinen Hitchcock gegeben!“ Und ohne Hitchcock womöglich keinen Film wie diesen. Wer beim Zuschauen das Gefühl bekommt, der Film arbeite auf mehreren Ebenen gleichzeitig, liegt richtig: Was auf den ersten Blick wie ein Krimi aussieht, ist auch eine Analyse der Analytikerin selbst.
„Mir wurde rasch klar, dass diese Psychiaterin sich so sehr von Schuldgefühlen über den Tod ihrer Patientin erdrückt fühlen muss, dass sie beginnt, in Frage zu stellen, ob es wirklich ein Selbstmord war“, beschreibt Rebecca Zlotowski ihre Annäherung an diesen Stoff: „Eine persönliche Krise, die sich wie ein Detektivroman entfaltet.“
Dr. Lilian Steiner ist eine amerikanische Psychiaterin und Analytikerin, eine gefragte Therapeutin der Pariser Oberschicht, gilt als brillant, fast schon unterkühlt-rational. Ihr Leben folgt einem strengen Muster, sie hört zu, notiert, schweigt, fragt. Plötzlich stirbt Paula Cohen-Solal (Virginie Efira), eine langjährige Patientin. Die Polizei legt den Fall schnell als Suizid ab, doch Lilian meint eine Inkonsistenz zu spüren, die ihr keine Ruhe lässt.
Hier übrigens eine Einordnung, die für Genrefreunde wichtig ist: Produktion und Verleih klassifizieren den Film ausdrücklich als „Krimi/Komödie“ – trotz der düsteren Themen. Zlotowski navigiert mit gekonnter Leichtigkeit zwischen Spannung und Witz, und Jodie Foster zieht, wie es im Pressematerial heißt, „alle Register ihres komödiantischen Könnens“. Wer also einen reinen Psychothriller erwartet, wird überrascht sein – angenehm, wie ich finde.
Aber weiter in der Handlung: Lilian stürzt sich in eine investigative Suche, die sie aus ihrem Sprechzimmer hinausführt. Dabei wird sie von ihrem Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil) begleitet. Er ist Augenarzt, und er weist mit professioneller Nüchternheit passenderweise genau auf die „blinden Flecken“ hin, die Lilian in ihrer eigenen Analyse systematisch übersehen hat. Die Frau, die es gewohnt ist, in fremde Psychen zu schauen und sie zu analysieren, braucht jemanden, der ihr sagt, was sie an sich selbst selbst nicht sehen will. Gemeinsam dringen Lilian und Gabriel in das Privatleben der Verstorbenen ein, treffen auf Paulas Ehemann (Mathieu Amalric) sowie deren Tochter (Luàna Bajrami), die beide auf ihre Weise ein neues Licht auf die tote Patientin werfen.
Eine kleine Randnotiz, vor allem für Cinephile: Die Rolle von Dr. Goldstein, Lilians Kollege und Mentor, ist mit Frederick Wiseman besetzt, der amerikanischen Dokumentarfilmlegende, der im Februar 2026 im hohen Alter verstorben ist. Wiseman, der in Filmen wie „Hospital“, „Titicut Follies“ oder „Near Death“ medizinisch und forensische Institutionen nüchtern beobachtet hat, tritt hier als Psychiater auf.
Jodie Foster bringt für diese Rolle eine besondere Qualität mit. Regisseurin Zlotowski beschreibt sie als eine Darstellerin, deren Intelligenz man beim Arbeiten zusehen könne. Die Hauptdarstellerin selbst fasziniert an dieser Figur besonders das Wechselspiel zwischen Kopf und Bauch: „Für mich ist es natürlicher, Gedanken darzustellen, als Emotionen“ wird Jodie Foster zitiert. „Lilian Steiner ist mir in vielerlei Hinsicht näher als frühere Rollen. Eine Psychoanalytikerin bewegt sich immer auf einem schmalen Grat zwischen diesen beiden Polen. Ihre Arbeit beruht sowohl auf objektivem Wissen als auch auf subjektivem Verständnis.“
Spannend ist der Moment, in dem Lilian begreift, dass Paula sie während der Analyse belogen hat. Dieser Vertrauensbruch führt dazu, dass Lilian ihre eigenen Methoden hinterfragt und schließlich zu ungewöhnlichen Mitteln greift: Sie lässt sich selbst hypnotisieren, um ihre Erinnerungen an die Sitzungen zu schärfen. Lilian wird von der Analysierenden zur Analysandin, ihrem eigenen Unbewussten ausgeliefert. Diese Szenen gehören zu den visuellen Herzstücken des Films – ein Eintauchen in die eigene unbewusste Wahrnehmung der ärztlichen Sitzungen.
Weitgehend offen bleibt eine Frage, die der Film nicht explizit stellt, die aber unterschwellig doch da ist: Darf Lilian das alles überhaupt? Ermittlungen anstellen, das Privatleben einer verstorbenen Patientin aufrollen, mit deren Familie zu sprechen? Das alles bewegt sich in einem rechtlich, und besonders auch in einem berufsethisch heiklen Bereich. Was Lilian hier tut, ist professionell grenzwertig.
Für Rebecca Zlotowski ist Lilian eine Figur, die gerade wegen ihrer übermäßigen Rationalität überfordert ist, wegen ihrer unerschütterlichen Gefasstheit, die oft nur Fassade sei. „Ich habe mich mit Lilian Steiner identifiziert. Sie ist gezwungen, die Grenzen ihrer Arbeit anzuerkennen und Wiedergutmachung zu leisten“, so die Regisseurin.
Paris Murder Mystery (Originaltitel: Vie Privée) | Regie: Rebecca Zlotowski | Drehbuch: Anne Berest & Rebecca Zlotowski | Mit: Jodie Foster, Daniel Auteuil, Virginie Efira, Mathieu Amalric, Vincent Lacoste, Luàna Bajrami | Frankreich 2025 | 105 Minuten | Krimi/Komödie | Verleih: Plaion Pictures
Fotos: mm filmpresse GmbH/PLAION PICTURES GmbH


